DFG-Projekt: Übersetzungskonflikte

Soziologie

Zum 1.3.2015 hat die Laufzeit eines DFG-Projekts mit dem Namen „Übersetzungskonflikte“ begonnen, das von Armin Nassehi und mir beantragt wurde, und nun von Dr. Alma Demszky und Katharina Mayr bearbeitet wird.

DFG-Projekt: Übersetzungskonflikte

Laufzeit 2015-2018
Leitung: Prof. Dr. Armin Nassehi, Dr. Irmhild Saake

Das DFG-Projekt „Übersetzungskonflikte“ geht von zwei Grundannahmen aus. Es beginnt mit der gesellschaftstheoretischen Diagnose einer funktional differenzierten modernen Gesellschaft. Anders als jedoch die meisten Rekurse auf das Theorem funktionaler Differenzierung liegt hier der Fokus auf den unvermeidlichen Konflikten zwischen den radikal unterschiedlichen funktionalen Logiken. Zugleich beginnt es bei der Beobachtung, dass das Konflikthafte öffentlicher Diskurse keineswegs bloß in unterschiedlichen normativen Standards oder einer nicht beendbaren Debatte über gute Gründe zu suchen ist (vgl. Nassehi 2015). Moderne Übersetzungskonflikte hängen unmittelbar mit der Struktur funktionaler Differenzierung zusammen.

Die empirische Forschungsarbeit dieses Projekts beginnt dort, wo die theoretische Debatte über die Theorie funktionaler Differenzierung zumeist aufhört: in einer Alltagspraxis konkreter Schnittstellen nämlich, in der die Differenz unterschiedlicher Perspektiven und Logiken soziale Folgen hat. Wie sich eine solche Gesellschaft, die nicht mehr durch eine zentrale Instanz legitim vertreten und beschrieben werden kann, auf Perspektivendifferenz einstellt, welche praktischen Lösungen sich im Umgang mit Differenz bewähren, soll an drei unterschiedlichen Themenfeldern untersucht werden: am öffentlichen Diskurs zur Beschneidung (1), an der organisierten Praxis der Organspende (2) und an der teamförmigen Behandlung von sterbenden Patienten auf Palliativstationen (3).

Palliativstationen mit ihrem Anspruch, dem Sterbenden als ganzem Menschen gerecht zu werden, inszenieren sich nicht nur in ihrer personalen Zusammensetzung als interdisziplinär; die dort tätigen Professionellen wie Ärzte, Pfleger, Seelsorger, Sozialarbeiter und Psychologen stoßen in ihrer alltäglichen Arbeit auf Perspektiven anderer Berufsgruppen, die sich mit der eigenen nicht ohne weiteres harmonisieren lassen, auf die sie aber in der Erfüllung ihrer Aufgaben gegenüber Patienten und Angehörigen unumgänglich verwiesen sind. Im Zentrum dieses Teilprojekts steht die alltägliche Aushandlung und organisatorische Bearbeitung von stationären Entscheidungsproblemen. Das normative Modell eines argumentativ herbeigeführten Konsenses (Habermas) soll dabei ausdrücklich nicht zum Anspruch erhoben werden; vielmehr stehen niedrigschwellige Formen der Verständigung — praktische Lösungen — im Fokus des Interesses. Die Forschungsschwerpunkte Beschneidung, Praxis der Organspende und Palliativstation stehen stellvertretend für Kontexte, die in ihrer Praxis in einem unterschiedlichen Ausmaß auf Öffentlichkeit, organisationsförmige Strukturen und face-to-face-Kontakte zurückgreifen.

Wir beginnen nicht mit theoretischen Setzungen, sondern schließen an Ergebnisse abgeschlossener empirischer Forschungsprojekte an, in denen wir mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten Fragen der Perspektivendifferenz der modernen Gesellschaft bearbeitet haben (vgl. Nassehi/Saake/Mayr 2008). Mit dem theoretischen Konzept „Übersetzung“ greifen wir einen empirischen Befund auf, auf den wir in früheren Forschungsarbeiten gestoßen sind. Es waren dies ein von 2004-2007 von der DFG gefördertes Forschungsprojekt über „klinische Ethik-Komitees“ und ein von 2006-2011 von der EU-Kommission gefördertes Forschungsprojekt „Knowledge and Policy“ (6. Rahmenprogramm). Am Beispiel klinischer Ethik-Komitees (vgl. Nassehi/Saake/Mayr 2008; Mayr 2007; Saake/Kunz 2006) lässt sich zeigen, dass sich in Organisationen — hier: in Krankenhäusern — die unterschiedlichen operativen Logiken empirisch aneinander reiben. Die Inkommensurabilität der beteiligten Perspektiven wird dabei nicht zum Anlass genommen, vor Entscheidungen zu kapitulieren. Wie kunstvoll diese Entscheidungen, die von außen manchmal nur als schlechte Kompromisse wahrgenommen werden, auf die unter-schiedlichen Perspektiven eingehen, lässt sich jedoch nur verstehen, wenn man die Ausgangsbedingungen berücksichtigt: Perspektivendifferenzen, die nicht aufhebbar sind und sich in Sichtkontakt zueinander eigenständig weiterentwickeln. Sie können nicht, obwohl man dies im Alltag oft denkt, in einer einzigen Perspektive gebündelt werden.

Literatur

Mayr, K. 2007: Rationalität und Plausibilität in klinischen Ethikkomitees. Die Echtzeitlichkeit von Kommunikation als Empirie der Systemtheorie, in: Soziale Welt, Sonderheft Systemtheorie.
Nassehi, A. 2015: Die letzte Stunde der Wahrheit. Murmann Verlag
Nassehi, A.; Saake, I.; Mayr, K. 2008: Healthcare Ethics Comitees without Function? Locations and Forms of Ethical Speech in a ‚Society of Presents’, in: Rothman Katz, B.; Armstrong, E.; Tiger, R. (Hg.): Bioethical Issues, Sociological Perspectives (Advances of Medical Sociology Vol. 9), S. 131-158.
Nassehi, A.; Saake, I.; Mayr, K. 2015: The Multiplication and Realization of Speakers as polyphony, in: Knudsen, M.; Vogd, W. (Hg.): Systems Theory and the Sociology of Health and Illness. Observing healthcare, London/New York: Routledge, S. 173-194.
Saake, I.; Kunz, D. 2006: Von Kommunikation über Ethik zu ‚ethischer Sensibilisierung‘: Symmetrisierungsprozesse in diskursiven Verfahren, in: Zeitschrift für Soziologie 1, 35, S. 41-56.